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SAO TOME & PRINCIPE VON RETO KUSTER (TEXT UND FOTOS) |
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Zwei Inseln, ein Staat und eine Mixtur aus Afrika, Portugal und der Karibik:
Sao Tome und Principe entsprechen weitgehend dem Trauminsel-Klischee, sind aber
touristisches Neuland.
Wer sich entschliesst, mit Ronaldo vom Fischerort Neves in die Ciudad zu fahren, braucht
Zeit. Für die 27 Kilometer entlang der Nordküste von Sao Tome benötigt der sympathische
Mittvierziger mit der Hornbrille drei Stunden. Nicht, dass die Asphaltstrasse in
schlechtem Zustand wäre. Auch Ronaldos geländegängiger Santana 2000 fährt einwandrei.
Doch unser Chauffeur muss ständig anhalten, Ratschläge erteilen oder sich auf einen
Schwatz einlassen. Man kennt sich auf der kleinen Insel, und die Leute scheinen Zeit im
Überfluss zu haben.
Ciudad, schlicht Stadt, nennen die Santomenser ihre schmucke Kapitale, die wir nach einer
Fahrt mit vielen Unterbrüchen erreichen. Eine zweite Ortschaft, welche die Bezeichnung
Stadt verdient hätte, existiert auf den beiden Inseln des Landes nicht, und auch Sao Tome
weckt eher den Eindruck eines verträumten Karibiknests denn der Hauptstadt des
zweitkleinsten Staats Afrikas.
Erst wurde auf Sao Tome Zucker angebaut später Kakao
Die breiten, sauberen Promenaden werden von Kokospalmen und prachtvollen portugiesischen
Kolonialbauten gesäumt, die allerdings ihr Alter angesichts des abbröckelnden Verputzes
nicht verbergen können. Manche Fassaden werden neu gestrichen, in Hellblau oder Rosa. Die
beiden Türme der Conceicao-Kathedrale überragen die Stadt. In der Kirche las der Papst
1993 Jahren eine Messe. Die 116000 Santomenser sind grösstenteils gläubige Katholiken.
Im Hafen erinnert eine elfenbeinfarbene Statue an den Seefahrer Femao Gomez, dessen Schiff
anno 1470 vor Sao Tome ankerte. Bald darauf wurden Zuckerrohrpflanzen und Sklaven auf die
unbewohnte Insel gebracht, doch nach einer Revolte im Jahre 1517 verlegte Portugal seine
Zuckerproduktion nach Brasilien
Dreihundert Jahre später brachten die Portugiesen Kakaosetzlinge nach Sao Tome. Die
Bäume gediehen auf dem vulkanischen Boden prächtig, und mit dem Genussmittel liess sich
viel Geld verdienen. Die kleine Insel im Golf von Guinea stieg zum weltgrössten
Kakaoproduzenten auf. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil auf den Rogas, den riesigen
Gutsbetrieben, die Arbeiter bis 1953 wie Sklaven behandelt und kaum bezahlt wurden. Noch
heute macht Kakao 90 Prozent der Exporteinnahmen aus.
Bis 1991 wurde in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Sao Tome und Principe eine
marxistische Staatsideologie gepflegt. Die Herrscher schotteten die Inseln komplett ab.
Heute wären Touristen willkommen. Doch 99 Prozent der Menschheit hat wohl noch nie von
der Existenz der beiden Tropeninseln gehört.
Die meisten Rocas sind inzwischen baufällig, doch für die Restaurierung fehlt in der
Regel das Geld. Justiniano Dias da Silva, Besitzer der Roca Sao Joao im Süden der Insel,
geht neue Wege. Für Touristen hat der geschäftstüchtige Herr einige Zimmer in
nostalgischem Stil eingerichtet. Zwanzig Dollar kostet die Nacht, Kolonialambiente und
Besuch der Kakao- und Kaffeekulturen inklusive.
Ähnliche touristische Pläne hegt man auch auf der grössten Roca des Landes, Agostino
Neto, eine halbe Fahrstunde westlich der Hauptstadt. Über den Hütten der
Plantagearbeiter thront das alte Spitalgebäude, noch heute einer der mächtigsten Bauten
des Landes. Offenbar war es für die Patrons wirtschaftlicher, kranke und verunfallte
Arbeitskräfte medizinisch zu versorgen, als menschlichen Nachschub zu beschaffen.
Doch die Zeit steht auch in dem Inselstaat nicht still. Was draussen in der Welt
geschieht, zeigt abends TV Sao Tome. Und die "Welt" heisst hier: Portugal,
Angola, Kapverden, Mogarnbique, Bissau. Die Portugiesisch sprechenden Staaten pflegen
untereinander enge Kontakte. Was jedoch im restlichen Afiika geschieht, interessiert auf
Sao Tome kaum jemanden.
Die einseitige Ausrichtung nach Portugal - vom Bleistift bis zum Mineralwasser wird alles
aus Lissabon importiert - bringt Nachteile. Tourismusminister Arzemiro dos Prazeres klagt:
"Die wenigen Ausländer, die bisher zu uns kommen, sind Portugiesen oder
Brasilianer." In den Schulen werde nun Französisch oder Englisch Pflicht, sagt der
Minister weiter, damit die Verständigung mit den Urlaubern aus Europa, die man im
Inselreich erwarte, besser klappe.
Jacques Rosseel, belgischer Botaniker und Projektleiter der EU auf Sao Tome, schwärmt von
den Möglichkeiten, welche das kleine Land bietet, etwa Trekkingtouren in das bewaldete
Landesinnere und auf den 2024 Meter hohen Pico. "Zurzeit", sagt Rousseel,
"werden einheimische Fremdenflührer ausgebildet, die sich in Fauna und Flora
auskennen. Es soll sichergestellt werden, dass die Natur keinen Schaden nimmt. Der von der
EU finanzierte Nationalpark Obo besteht zwar erst auf dem Papier, doch Jacques Rosseel ist
optimistisch: "Für naturkundlich Interessierte ist die Insel ideal. Sie ist klein
genug, sodass man sich nicht ernsthaft verirren kann, und gross genug für
abwechslungsreiche Ausflüge."
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Mehr als die Hälfte der Principer ist unter 18 Jahren alt
Sprung auf die Nachbarinsel. Wir begegnen bald einem der gefiederten Wahrzeichen von
Principe. "Er spricht zwar nicht, aber er imitiert Geräusche und Vogelstimmen",
sagt Maria über ihren putzigen Hausgenossen, einen Principe-Graupapagei. Auf der kleinen
Schwesterinselvon Sao Tome scheint sich alles um die Krummschnäbel zu drehen: Der 942
Meter hohe, meist in Nebelschwaden gehüllte Vulkangipfel heisst Pico Papageio, im Hafen
von Santo Antonio speist der Rio Papageio den Atlantik. Aber auch soziale und
wirtschaftliche Institutionen tragen den Namen des Federtiers. Von den 54 Vogelarten, die
sich im Regenwald tummeln, sollen 15 nirgendwo anders auf der Welt vorkommen. Principe ist
ein Paradies für Omithologen.
Principe, mit 142 Quadratkilometern sechsmal kleiner als Sao Tome, ist eine Tropeninsel
wie aus dem Bilderbuch: Zwei Dutzend Buchten mit feinsandigen Stränden und meist
glasklarem Wasser säumen das Eiland, auf dem gerade mal zwölf Kilometetr Asphaltstrasse
existieren. Vier grosse Gutsbetriebe - jeder eine Roca aus den Blütezeiten des
Kolonialhandels - produzieren rund hundert Tonnen Kakaobohnen pro Jahr und verschaffen
einein Grossteil der 6000 Principer Arbeit.
Aber das feuchte Tropenklima nagt an den Hinterlassenschaften der Portugiesen: Das alte
Bankgebäude, Relikt aus glorreicheren Zeiten, ist abbruchreif. Viele Villen einstiger
Grossgrundbesitzer sind nur noch Ruinen, überwuchert von Urwaldvegatation.
Besucher mögen von der romantischen, friedlichen Abgeschiedenheit Principes angetan sein,
doch die örtliche Jugend - die Hälfte der- Bevölkerung ist jünger als 18 - hat nur die
Wahl zwischen Plantagenarbeit und Fischerei. Beide Beschäftigungen reichen knapp zum
Leben. Wohlstand verspricht man sich auch hier vom Tourismus. Damiano Vaz de Almeida,
Gouverneur von Principe, ist nicht gerade bescheiden: "Principe ist die
westafrikanische Version der Seychellen", meint er stolz. Investoren aus der
Schweiz, räumt er gleich noch ein, seien sehr willkommen. Die Infrastruktur ist noch
dürftig: Nur gerade eine Hotelanlage ist hier zu finden - auf einer vorgelagerten
Insel. Das "Bom Bom Island Resort" beherbergt sporadisch Hobby-Hochseefischer,
die sich ihren Spass eini ges kosten lassen.
Von den grossen Tourtistensträmen werden Sao Tome und Principe noch einige Zeit
verschont bleiben. Die Schokoladen- und Papageien-Insel taucht hier zu Lande in keinem
Reisekatalog auf. Neben mangelhafter Infrastruktur steht vor allem die umständliche und
teure Anreise einer forschen Entwicklung im Weg.
| Anreise: TAP Air Portugal fliegt von Lissabon jeweils sonntags nach Sao Tome (Anreise ab Zürich an Samstag). Retourticket ab 1400 Franken. Flugverhindungen zwischen Sao Tome und Principe fast täglich (Retourflug für 120 Dollar). Unterkunft: In der letzten Zeit hat sich das Hotelangebot
verbessert. Die Hotels "Miramar" und "Marlin Beach" sowie das
"Bom Bom Island Resort" nahe Principe bieten für 100 Dollar pro Nacht
internationalen Standard. "Residencial Avenida" und "Hotel Baia"
kosten nur 50 Dollar. Für 20 Dollar nächtigt man in der "Pensio Turismo" und
der "Pensao Corvalho". Reisezeit: Gesundheit: Geld: Sprache: Infos und Visum: |
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